RUHR.2010 –
"MOLIÈRE" – Ballettabend in Hagen
Das Henze-Projekt – Neue Musik für eine Metropole
Rasant, atemberaubend, schwungvoll, lustig, humorvoll, komödiantisch und einfach wunderschön sind nur einige Begriffe die einem bei dem Ballettabend MOLIÈRE im Theater Hagen einfallen. Und es gäbe noch tausend andere Beschreibungen die noch zu sagen wären und sie alle brächten doch die gute Unterhaltung nicht auf den Punkt. Einfach fantastisch. Bravo!
Von Dietmar Wolfgang Pritzlaff
Das Ruhrgebiet hat einen „alten“ Komponisten – man verzeihe, aber der Herr ist schon 84 Jahre jung - neu entdeckt und ihm Zeit und Raum gegeben um seine Werke entfalten zu lassen. Der Komponist ist Hans Werner Henze, 1926 in Gütersloh geboren. An der Staatmusikschule Braunschweig begann er seine Ausbildung am Klavier und Schlagzeug. Es folgten Reichsarbeitsdienst und Einberufung zur Wehrmacht als Funker. Nach britischer Kriegsgefangenschaft studierte er in Heidelberg, in Darmstadt und Paris. Er wurde engagiert an die Theater Konstanz und Wiesbaden. Hans Werner Henze störte die mangelnde Aufarbeitung des Dritten Reichs nach Kriegsende und ging auch wegen Anfeindungen seiner Homosexualität in Deutschland 1953 nach Italien. Erst nach Ischia, dann Neapel, später Rom und Castel Gandolof, bis Marino, wo er heute noch lebt.
Die Ruhr.2010 widmet im Kulturhauptstadtjahr einen ganzen Katalog an Projekten, Aufführungen, Konzerten und Balletten mit / zur / von / über Henze-Musik. Ein experimentierfreudiger Mensch, der es bis heute geblieben ist.
Das Theater Hagen nahm sich ein Henze-Werk von 1950 an und führt es zum Kulturhauptstadtjahr in einer Neufassung von 1995 im Jahr 2010 auf. So weit die Zahlen.
Der begnadete Choreograph RICARDO FERNANDO inszenierte einen Ballettabend der seines gleichen sucht. Nur der erste Teil des Ballettabends ist erfüllt von Henze-Musik. Henze schrieb das Libretto nach Molières Schauspiel „George Dandin“. Eine Geschichte von arm und reich, von unten und oben. Ein Bauer heiratet die Tochter eines armen Adligen. Diese setzt dem Bauer Hörner auf. Der Bauer „bäumt“ sich gegen die Aristokratie auf, aber scheitert am Adel, der den Bauer verhöhnt und spottet.
In diesem ersten Teil des Ballettabends wird die Bühne zu einem magischen Ort. Die eingeblendeten Dias alter Straßen, Häusern und einem Ballsaal, tauchen auf und verschwinden wieder. Ganz zart, man bemerkt es kaum. Eine Drehbühne wäre dagegen nur plumpe Anbiederung. Zum Schluss des ersten Teils wird ein Dia zu einem Videofilm und die Tänzer und Tänzerinnen erscheinen in verfremdeten dramatischen Videoeffekten. Sie zeigen auf den Herrn Pulcinella und verhöhnen ihn.
Wer hier Tutu und Spitzentanz erwartet, wird enttäuscht. Wer sich aber auf ein Tanz-Schauspiel von geradezu atemberaubender Schönheit einlassen kann, der wird einen spannenden, dramatischen, komödiantischen, zu weilen auch zum Brüllen komischen ersten Teil des MOLIÈR-Abends erleben.
Alle Tänzer und Tänzerinnen tanzen auf hohem Niveau mit einer großen Portion technischer Präzision und einer hingebungsvollen Leidenschaft. Da geht es rasend schnell und behände zur Sache. Die Paartänze erinnern in ihren schnellen, graziösen Bewegungsabläufen an die Tanzproduktion ARENAL des Choreografen NACHO DUATO, Leiter der spanischen COMPANIA NACIONAL DE DANZA. Keine Ruhepausen, immer in Bewegung. Die Zuschauer sind begeistert. Es gibt Zwischenapplaus und minutenlanges Stakkatoklatschen am Ende dieses ersten Teils.
Ohne jemanden dieser hervorragenden Tänzer und Tänzerinnen zu kränken, sei aber doch jemand ganz besonders hervorgehoben: Der Tänzer MARCELO MORAES in der Rolle eines Kavaliers, der so clownesk tanzt, dass man einfach lachen muss. Außerdem gibt es noch ein erotisches Schattenspiel und eine sehr intime, berührende Liebesszene mit ihm und seienr Partnerin Hayley Macri.

Marcelo Moraes, Hayley Macri • Foto: Foto Kühle • © Rechte theaterhagen
Ein überraschendes „Comedia-del-arte-Ballett“. Herrlich frisch und man merkt sofort, dass die Tänzer und Tänzerinnen viel Spaß an diesem Abend haben.
Der zweite Teil des Abends ist eine Uraufführung mit Musik von Jean-Baptiste Lully, Christoph Willibald Gluck, Darius Milhaud und Richard Strauss
Jean-Baptiste Lully, Komponist und Jean-Baptiste Poquelin, genannt Molière waren befreundet und prägten das Theater Frankreichs des 17. Jahrhunderts. Beide standen in der Gunst des Königs Ludwig XIV.
Als eine „kleine“ Hommage an den Dichter Molière und an den Komponisten Lully kann dieser zweite Teil des Ballett-Abends betrachtet werden.
Ein riesiges Buch mit Werken von Molière bildet das Bühnenbild. Sonst ist kein „Hokus-Pokus“ notwendig um den ganzen zweiten Teil Ausdruck zu verleihen. Dieses Buch hat es in sich. Die Figuren aus Molières Werken werden lebendig und springen aus den umklappbaren Seiten des Buches und führen dem Dichter, dem Komponisten und dem König ihr amüsantes Eigenleben vor.
Aus Molières „Der Bürger als Edelmann“ tanzt der Bürger, versucht sich gar im Fechten und scheitert vor den Adligen.
„Der eingebildete Kranke“ liegt mit einem großen Thermometer im Mund im Bett und lässt sich von vier Krankenschwestern „verwöhnen“.
Aus „Dom Juan“ tanzt der Don Juan mit vielen Frauen, nur eine scheint ihm abgeneigt. Ein Ränkespiel mit betörender Eleganz beginnt.
Auch in dem zweiten Teil des Ballettabends sind alle Beteiligten ausgelassen bei der Sache, dass es eine Freude ist. Er ist hinreißend komödiantisch. Allerdings der „eingebildete Kranke“ getanzt von MATTHEW WILLIAMS ist einfach unschlagbar komisch. Es darf ordentlich geschmunzelt, gestaunt und gelacht werden. Und immer wieder ist das riesige Buch als alleinige Dekoration ein gelungener Geniestreich. Mehr bedarf es gar nicht. Stahlrohr-Hocker mit rotem Sitz werden mal zu strahlenden Kronen, mal zu Waffen. Die Kostüme sind detailreich und wunderschön anzusehen.

Ensemble • Foto: Foto Kühle • © Rechte theaterhagen
Selten gibt es einen so stimmigen Ballettabend. Das spiegelt sich in anhaltendem Applaus und vielfachen Vorhängen wieder. Nicht nur für die großartigen Tänzer und Tänzerinnen, auch für Choreographie, Inszenierung und für das gesamt Orchester.
Ein absolut gelungener Abend den man nicht verpassen sollte, weil er doch so viel Spaß macht.
Weitere Termine sind:
07.11.2010 – um 15.00 Uhr
18.11.2010 – um 19.30 Uhr
21.11.2010 – um 18.00 Uhr
03.12.2010 – um 19.30 Uhr
11.12.2010 – um 19.30 Uhr
07.01.2011 – um 19.30 Uhr
Choreographie und Inszenierung:
Ricardo Fernando
Kostüme:
Catherine Voeffray
Musikalische Leitung:
Florian Ludwig
Orchester:
Philharmonisches Orchester Hagen
Die Abendbesetzung der Tänzer und Tänzerinnen:
Molière – Erster Teil: Le disperazioni del Signor Pulcinella
Tanzschauspiel von Hans Werner Henze
in der Neufassung von 1995
Herr Pulcinella Andre Baeta
Smeraldine, seine Frau Hayley Macri
Herr Bellavista, deren Vater Matthew Williams
Frau Bellavista, deren Mutter Noemi Martone
Salvatore Lupino, ein Kavalier Marcelo Moraes
Ermanno, ein Postbote Matthew Williams
Fortunella, seine Verlobte Yoko Furihata
Speranzina Sophie Hahn/Neele Dresel
Molière – Zweiter Teil: Jean-Baptiste (Uraufführung)
Musik von Richard Strauss, Jean-Baptiste Lully, Darius Milhaud und Christoph Willibald Gluck
Jean-Baptiste
Jean-Baptiste Molière Marcelo Moraes
Louis XIV Vladimir de Freitas
Jean-Baptiste Lully Shaw Coleman
„Der Bürger als Edelmann“
M. Jourdain Leszek Januszewski
Mme. Jourdain Noemi Martone
Lucile Yoko Furihata
Cleante Malthe Clemens
Nicole Hayley Macri
Dorante Andre Baeta
„Der eingebildete Kranke“
Argan Matthew Williams
„Dom Juan“
Dom Juan Leszek Januszewski
Elvire Carla Silva
Weitere Fotos der Aufführung unter: FOTOSTRECKE MOLIÈRE - THEATER HAGEN
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