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Foto © EBU • European Broadcasting Union

 

von Dietmar Wolfgang Pritzlaff

Es traten insgesamt auf: 17 Sängerinnen, 9 Sänger, 1 Männergruppe, 1 gemischte Gruppe und 1 Frauentrio. Die Frauen in der Überzahl. Diskriminierung!

Die Damen traten meist in sexy Leibchen auf und Windmaschinen ließen ihre Haare fliegen. Alle sangen mit guten Stimmen ihre Songs. Der überwiegende Anteil der Frauen-Auftritte lag im poppigen-gleich-wieder-vergessen-Liedchen.
Herausragendes war selten, aber es gab ein paar. Drei Beispiele: das klassische Chanson war mal wieder mit von der Partie. Die Französin Barbara Pravi sang „Voilà“, zart, gebrechlich und doch stimmlich stark. Ohne Tänzer und Klamauk im kleinen schwarzen Top, schulterfrei. Am Ende stand sie auf Platz 2 mit 499 Punkten der Wertungen.

Für Belgien ging die Gruppe Hooverphonic mit der Lead-Sängerin Nike Arnaert und dem Lied „The Wrong Place“ an den Start. Auch sie glänzte durch -weniger-ist-mehr-! Weniger waren dann auch leider die erwirtschafteten 74 Punkte. Platz 19.

Ungewöhnlich war dann noch die Sängerin Katrina Pavlenko der Gruppe Go_A aus der Ukraine mit ihrem Song „Shum“, das völlig aus der Übermacht fast immer gleichklingender Pop-Songs herausstach. Sie zappelte nicht rum und sang immer schneller werdend in grünem Faden-Schulter-Überwurf wie auf einer Eisscholle ihr Lied. Folkloristisch und poppig. Überraschung: dieses Lied landete mit 364 Punkten auf Platz 5.

Große Stimmen auch bei den Herren. Allen voran der Sänger Gjon’s Tears, der für die Schweiz den Song „Tour l’Univers“ mit absolut klarer Stimme sämtliche Kopfstimmen-Töne traf. Eine fantastisch gute Gesangsstimme. 432 Punkte brachten ihn auf Platz 3.

Stimme hatte auch der Sänger Tatanka der Gruppe The Black Mamba, der mit dem Song „Love is On My Side“ für Portugal an den Start ging. Eine eher gequetschte Stimmlage, aber eben ungewöhnlich. Und auch der Song fällt aus dem ESC-Rahmen. Musiker mit Bart, Hut und Klamotten aus alten Jazz-Tagen gingen ins Auge und der Song ins Ohr. Mit 153 Punkten landete die Gruppe auf Platz 12.

Eine Stimmgewalt kam auch aus Finnland. Die Hard-Rock-Gruppe Blind Channel sang oder besser „schrie“ ihren Song „Dark Side“ in die Ohren der Europäer, aber dieser Song hatte Melodie, Höhen und dramatische Tiefen. Hard-Rock ist wieder in! Platz 6 mit 301 Punkten für die langhaarigen Finnen.

 



Foto: Sieger des 65. ESC 2021 • Månneskin, Italien © EBU / Andres Putting

 

Das kann man zu dem Pandant aus Italien nicht gerade sagen. Eine gewaltige, kratzige Hard-Rock-Stimme auf jeden Fall, aber der Hard-Rock-Song „Zitti E Buoni“ der italienischen Gruppe Måneskin bleibt auf einer Stimmlage oder besser gesagt Geschreilage. Ohne irgendwelche Höhepunkte. Und eben in diesem Hard-Rock-Stück ist keine Melodie vorhanden. Wacken lässt grüßen! Aber in Wacken hat man auch schon bessere Songs gehört.
Der Beitrag Italiens wurde schon Wochen vor dem ESC hochgehandelt. Warum nur?
Jetzt kommt etwas sehr Subjektives: mein Geschmack war das überhaupt nicht, dann 10-Mal lieber die Finnen.
In fast einer Tonlage und immer wieder das Gleiche… Monoton ohne echt zu berühren. Oder doch? Gibt es überhaupt einen Refrain?
Wie konnte nur dieser Song schon das altehrwürdige San Remo-Festival gewinnen? Spinnen die Italiener jetzt?
Und Europa spinnt gleich mit? Der Song ist für mich kein Song, aber das ist nun Mal Geschmacksache. Oder ich bin einfach zu alt, um diesen Hype zu verstehen.
Zitat aus Wikipedia: Der Text des Liedes drückt die Wut und Rebellion junger Generationen gegenüber dem Unverständnis und der Geringschätzung aus, die ihnen von Erwachsenen entgegengebracht werden.[6] Er ist ein Aufruf, das eigene Anderssein zu verteidigen (Siamo fuori di testa, ma diversi da loro, „Wir sind verrückt, aber anders als sie“) und nicht einfach „still und brav“ zu bleiben.[7]
Na ja, wenigstens eine Aussage im Songtext und natürlich die Stimmen aus ganz Europa. Platz 1 mit 524 Punkten!

Spanien vertrat dieses Mal der Sänger Blas Cantó. Ein dünnes Stimmchen und ein nicht ins Ohr gehendes Lied namens „Von A Quedarme“. Spanien landete wie Deutschland und England auf den hintersten Plätzen. Platz 24 mit nur 6 Punkten für Spanien.

Der Engländer James Newman sang „Embers“. Auch das ein Song, dass wohl schnell in der Versenkung verschwinden wird. 26ter und damit letzter Platz mit Null-Punkten.

Kostümiert als weißer Engel sang der Norweger TIX mit seinem Lied „Fallen Angel“ über Ticks und Marotten, die ihn quälten und immer noch quälen. Aber es gab Hilfe! Angekettet an behornten, schwarzen Dämonen befreite er sich langsam aus dessen Mächten. Aber auch der Norweger fiel durch, trotz weißem Marlene-Pelz-Mantel und Flügeln. Platz 18 mit 75 Punkten.

Die Bühne war ein reines Video- und Lichtspektakel. Na klar, das ist der Eurovision. Das muss so sein. Bei manchen Songs wäre weniger mehr gewesen. Manche Lichteffekte sind einfach ein bisschen zu viel des Guten. Aber sei’s drum, man will ja auffallen.

Und Deutschland fällt wirklich auf. So knallig bunt und lustig hat sich der deutsche Beitrag selten gezeigt. Der Blondschopf Jendrik sang „I don’t feel Hate“ und fiel bei diesem ohnehin überaus bunten Spektakel kaum als etwas Besonderes auf. Für Deutschland jedenfalls war es ein bunter Spaß. Aber Europa gefiel es nicht sonderlich. Leider! 3 Punkte brachten ihn nur auf Platz 25.
Vielleicht wird uns der NDR nächstes Jahr nicht wieder ein Lied auf’s Auge drücken und einen ordentlichen Wettbewerb veranstalten, bei dem jeder Zuschauer mitwählen kann.

Da kam die in gelb gekleidete Gruppe The Roop aus Litauen ganz anders rüber. Der Song „Discoteque“ ist ein eingängiger Pop-Song mit einem Refrain zum mittanzen. In Corona-Zeiten ein schwungvolles Tanzstück… „dance allone - dance allone…“
Ein Bravourstück war die Fingerfertigkeit des Leadsängers Vaidotas Valiukevičius ist wirkliche Fingerakrobatik. Mal Vulkanier-Gruß der ein V-Zeichen entstehen lässt - mal bleiben die beiden Mittelfinger zusammen. Gar nicht leicht nachzumachen.
Im Jahr 2020 hatte die Gruppe den deutschen Song-Contest gewonnen. Ja, den gab es wirklich. Moderiert natürlich von unserer üppigen Laberschnute Barbara Schöneberger. 10 Beiträge gab es insgesamt, also die 10 besten? Und dann gewann Litauen vor Island.
In diesem Jahr reichte es nur für Platz 8 mit 220 Punkten.

Schon voriges Jahr hochgehandelt, wurde auch dieses Jahr wieder die Gruppe Daði und Gagnamagnið mit dem Leadsänger Daði. Das Lied „Think About Things“ wurde in 2020 trotz des Ausfalls des Song Contest zu einem echten Hit und kam in Island, England, Schweden und Irland in die Top 3 der Charts. Dieses Jahr war das Liedchen etwas dürftiger, aber die grünen, ulkigen Pullis mit verpixelten Selbstbildnissen und ungewöhnlichen Tanzschritten kamen auch wieder gut an. Hochgelobt und bewertet beim Finale. Mit 378 Punkten auf Platz 4.

Und dann war da noch die Wuchtbrumme aus Malta. Ein mächtiger Resonanzkasten erzeugte eine effektvolle Stimmgewalt. Die Dame heißt Destiny und ihr Lied „Je Me Casse“ ist auch so ein Pop-Song oder dann doch auch wieder nicht? Irgendwie bleibt er in Erinnerung. Den kann man sich wieder anhören. 255 Punkte brachten die Malteserin auf Platz 7.

Die Russin Manizha mit dem Song „Russian Woman“, über die Frauenrolle in der russischen Gesellschaft entstieg einem Riesenkleid in rotem Overall. Ein goldenes Treppen-Putz-Kopftuch auf dem Kopf und ein mit hunderten Frauen aus Russland gesungenes und für alle Frauen dieser Welt bestimmtes Lied. Aber ob der Song Chancen in Europa hat, trotz Frauenthema, bleibt abzuwarten. 204 Punkte und Platz 9.

Und dann gab es noch die griechische Sängerin Elena Tsagrinou die für Zypern das Lied „El Diablo“ schmetterte. Etwas sehr nach Lady Ga-Ga klingend, aber klasse hüftschwingend getanzt und mit den Begleitdamen in Rot kontrastreich unterstrichen. Sie kam dann mit 94 Punkten auf Platz 16.

Die Kameraarbeit war mal wieder alles andere als schön. Meine Meinung! Knapp 4 bis 5 Sekunden dauert eine Einstellung, dann Schnitt - Sänger von der Seite, Schnitt - Sänger von oben, Schnitt - die Halle mit Zuschauern, Schnitt - der Sänger von vorne, Schnitt… und so weiter… und so weiter…
Zählen Sie mal die Sekunden, bis eine neue Einstellung gezeigt wird. Das sind wirklich nicht viele. Das wirkt alles andere als harmonisch. Hauptsache dynamisch und keine statischen Aufnahmen mehr wie in den 50er-, 60er- und 70er-Jahren. Aber da sah man die Akteure wenigsten noch richtig. Konnte sie von oben bis unten in Augenschein nehmen.
Heute ist das eher ein hektisches Chaos. Man nimmt kaum die Video-Wände wahr und das ganze Lichtbrimborium. Kann man nicht wenigstens versuchen auch mal das gedachte Gesamtbild in der Glotze zu zeigen? Oder bleibt das für das erlesene Publikum in der Halle vorbehalten.
Einfach mal 20 Sekunden nur eine Einstellung lassen, damit man einen Gesamteindruck bekommt, wünschte ich mir. Nein! Das geht ja gar nicht! Ein bisschen Retro wäre aber schön. Jedenfalls für mich.
Und das gab es tatsächlich auch mal: Fast 20 Sekunden eine ruhige Einstellung auf das Gesicht des Gastgeberbeitrages. Der Niederländer Jeangu Macrooy, der mit seinem Lied „Birth of a New Age“ mit nur 11 Punkten auf den 23 Platz landete. Arme Gastgeber.

Ich hoffe, einige der Lieder des diesjährigen Eurovision Song Contest kommen in Europa in die Charts und werden auch gehört. Viel zu oft kommt es vor, dass wirklich gute Songs einfach von der Bildfläche verschwinden und nur in ihren Heimatländern noch für ein paar Wochen zu hören sind.
Was waren das noch für „gute, alte“ Zeiten, als in den 70er-Jahren immer die ersten 3 Platzierungen des Festivals in deutschen Sendungen, wie Rainer Holbes Starparade eingeladen waren. Manchmal sangen die Interpreten*innen ihre Lieder auch noch auf deutsch und in anderen Sprachen übersetzt. Klasse!

Informativ und wirklich kreativ gestaltet waren die Bühnen-Umbau-Pausen-Postkarten aus den ganzen Ortschaften in den Niederlanden. Ob in Zandvoort oder Amsterdam, alles war irgendwie vertreten. Schick gemachte Minuten-Füller.

Ein Kommentar zum Kommentar: Peter Urban, seit 1997 Urgestein des Song Contest, sprach wieder den deutschen Kommentar. Herr Urban war schon mal bissiger. Jetzt ist er in die Jahre gekommen und wird informativer. Bravo! Da lernt man auch mal was über die Künstler*innen. Woher? Warum? Und überhaupt. Souverän wie Herr Werner Weigel, der 1974 bis 1978 den Song Contest-Kommentator gab.
Und nein, Herr Urban, Sie sagten in Ihrem Kommentar zwei französischsprachige Lieder waren nie hintereinander an der Spitze.
Da muss ich leider berichtigen: Im Jahr 1962 standen gleich drei französischsprachige Lieder und Länder an der Spitze. Platz 1 - Frankreich, Platz 2 - Moncao und Platz 3 Luxemburg.
Im Jahr 1986 standen sogar drei Länder hintereinander an der Spitze mit französischsprachigen Liedern. Platz 1 - Belgien, Platz 2 - Schweiz und Platz 3 - Luxemburg.
Zwar nicht an der Spitze aber auch hintereinander platzierten sich die Schweiz und Frankreich im Jahr 1993 auf Platz 3 und 4. Und das ging so weiter in der langen Geschichte des ESC. Also absolut nichts Ungewöhnliches.

Ein Kommentar über Zuschauer in einer Veranstaltungshalle in Corona-Zeiten:
Über 3000 Zuschauer in einer Halle? Die dauergetesteten Zuschauer schwenkten brav internationale Fahnen, denn eigentlich durften nur Niederländer als Zuschauer in die Halle. Aber auch Königin Maxima. Ob das alles richtig war, wird sich noch herausstellen. Die Anordnungen eines Tests hatte die Niederländische Regierung abgenickt. Ein Test eben mit Zuschauern.
Und prompt erkrankten Teilnehmer des Festivals und mussten in Quarantäne. Ob die anderen Zuschauer in der Halle auch was davon noch mitbekommen haben? Wir werden es vielleicht demnächst in Berichten lesen können.

Warum eigentlich braucht man 4 Moderatoren*innen für diese Show? Früher ging das mal mit einem Kommentator oder einer Moderatorin über die Bühne. Jeder und jede muss noch seinen Senf dabeigeben. Das macht die Sache nicht spannender.
Nervig finde ich auch die Spannung zu überanstrengen und die Bekanntgabe der Punkte so weit wie möglich zu verzögern. Voller Schadenfreude können wir dann heute sehen, wer die Punkte nicht bekommen hat und kaum noch Tränen an sich halten kann.

Ja, es war mal wieder eine glamouröse Show - „it’s amazing!“ - die mal wieder 200 Millionen Menschen weltweit in die Glotze schauen ließ. Kein anderes Musik-Spektakel-Festival ist größer. Bravo, Eurovision!
Irgendwann wird man wohl auf die Idee kommen einen Kontinenten-Vergleich anzustellen. Auf jedem Kontinent wird ein Länderfestival ausgetragen und die fünf besten Songs kommen dann an einem Abend zu einem Kontinent-Song-Contest zusammen, dem World Song Contest, um den/die Welt-Sieger*in und das Welt-Lied zu küren.
Wäre doch mal ein feine Sache das!
Den Anfang macht Amerika. Laut dem Kommentar von Herrn Urban soll es schon im nächsten Jahr eine solche Veranstaltung in Amerika geben. Ein Sender hat die Rechte an dem ESC-Sendeformat gekauft und will einen American Song Contest veranstalten. Dann mal viel Glück für das Gelingen.

Aber bis es auf allen Kontinenten soweit ist, werden wir nächstes Jahr erst mal wieder den Europa-Song suchen. In 2022 dann in Italien, wenn alles gutgeht.

Mehr Infos auf eurovison.de oder eurovision.tv

 


eingestellt am: 23.05.2021