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Das Stück mit dem Schiff • Foto: Ensemble • © Laurent Philippe

 

Bericht zur Premiere der Livestream-Neuinszenierung vom Samstag, den 21.11.2020 um 20:00 Uhr von
DAS STÜCK MIT DEM SCHIFF – Ein Stück von Pina Bausch


von Dietmar Wolfgang Pritzlaff


"DAS SCHIFF IST DAS SCHIFF IST...

DAS STÜCK MIT DEM SCHIFF GOES DIGITAL"

Ein Stück von Pina Bausch gestreamt? Geht das gut? Kann sich das sehen lassen? Und ob! Es ist aber auch noch verbesserungsbedürftig.

Der Livestream verzögerte sich erst einmal um ein paar Minuten, dann unterbrachen mehrere, plötzliche Offline-Schaltungen den Livestream. Ärgerlich, denn die Aufführung ging ja weiter. So verpasste man einige Stellen.

Aus mehreren Kameraperspektiven wurde ein Bild. Das war ein Experiment und klappte eigentlich sehr gut. Mit Doppelbelichtungen entstanden außerordentliche Tanzräume. Plötzlich tanzte eine Frau im Sand auf dem Dach des ehemaligen Schauspielhauses. Oder es tanzte ein Mann auf dem Vorplatz des Theaters. Schön anzusehen waren auch die Vorbeifahrten der weltberühmten Wuppertaler Schwebebahn beim Schwenk über den Parkplatz hinter dem Schauspielhaus.

Nicht so schön waren die Aussetzer zwischendurch und das Abfilmen der beiden Projektionsflächen auf der Fassade des Schauspielhauses. Viel zu klein wurde das Bild. Man hätte ranzoomen sollen, aber dann wären wohl die Lichtverhältnisse nicht mehr angepasst gewesen.

Das beste Bild hatte man natürlich von der Kamera im Theatersaal. Nur diese Kameraeinstellung gestreamt, wäre eine Sensation gewesen. Aber das durfte wahrscheinlich aus rechtlichen Gründen nicht sein. Aber auch der Wechsel der Kameras war interessant. So konnte man live verfolgen, dass sich bei dem eiskalten Abend doch noch Schaulustige vor dem Schauspielhaus versammelten, lange ausharrten, um dem Tanzabend zu folgen.
Auch spannend der Stadtverkehr auf der Hauptstraße vor dem Schauspielhaus.

Den Schluss des Livestreams verstand ich nicht wirklich: Der Tänzer Oleg Stepanov plauderte und man verstand ihn nicht. Eine Tänzerin tanzte nochmals und dann kam nochmaliger Applaus. Warum? Wieso?
Ich habe schon fast eine halbe Stunde dem Ensemble und Frau Bausch zugejubelt, daran lag es also nicht. Ich habe nur nicht verstanden warum und wieso überhaupt noch jemand was sagte oder tanzte. Fehlte das noch im Stück? Waren die Passagen vergessen worden? Oder waren sie durch die Offline-Schaltung nicht sichtbar?

Vielleicht gibt es ja bald wieder die Möglichkeit weitere Stücke von den jeweiligen Aufführungen live zu streamen. Das wäre ja mal eine Überraschung, denn die Aufführungen des Tanztheaters Wuppertal sind so gut wie immer ausverkauft und es gibt leider weltweit nur wenige Termine.

Vielleicht könnte man den Livestream bezahlen, um dann in den Genuß einer Wiederaufführung, einer Neuinszenierung oder einer Aufführung eines neuen Stücken zu kommen, auch wenn man nicht live vor Ort dabei sein kann.

Ich würde für einen solchen Livestream, wenn er denn ohne Unterbrechung und in höchster Qualität liefe, auch bezahlen. Vielleicht täten es mir viele Leute auf der Welt gleich.

Jetzt aber zu der eigentlichen Aufführung: "DAS STÜCK MIT DEM SCHIFF - EIN STÜCK VON PINA BAUSCH"

 

27 Jahre ist es her, als am 16.01.1993 die Uraufführung von DAS STÜCK MIT DEM SCHIFF über die Bühne im Opernhaus Wuppertal ging.
Ein Stück, welches nur einige wenige Tourneen (1996 Saitama, 1995 Antwerpen, 1994 Lyon, 1994 Paris) und Aufführungen 1993 in Wuppertal erfahren durfte. Aber warum eigentlich?

Von Dietmar Wolfgang Pritzlaff

Über diesem Stück liegt ein Gefühl von Traurigkeit, Sehnsucht und Melancholie. Nur einige wenige Male wird es von artistischen Einlagen, lustigen Alltagsgeschichten und spielerischen Elementen unterbrochen.
Die Bühne, gestaltet von Peter Pabst, wurde genauestens rekonstruiert. Ein paar Meter Strand mit Sand, dann türmen sich Felsen auf und obenauf liegt ein gestrandetes Schiff. Wunderschön und gleichzeitig traurig anzusehen.
Erst passiert nichts Außergewöhnliches. Einige Tänzer*innen tanzen ihre einsamen Solis. Schön und hochniveauvoll. Eine Tänzerin wird mit Wasserdampf bei ihrem Tanz eingenebelt. Es gibt viele solcher Solotänze, wenige, der beliebten Gruppentänze.
Die Tänzer*innen bewegen sich auf der Bühne wie auf unsicherem und unbekanntem Terrain. Im Laufe des Stück werden sie das Stück Strand, die Felsen und das Schiff genauestens untersuchen, ihre Bewegungen sicherer werden und dem Unbekannten ein Stück näherkommen.
Vielleicht sogar der eigenen Kindheit näherkommen. Der verlorenen, glücklichen Kindheit. Auf diese Gedanken könnte man jedenfalls kommen, nach Durchsicht des alten Programmheftes von 1993. Nur ein schwarz-weißes Din-A-4-Blatt in der Mitte auf DIN-A-5 geknickt, zeigt Bilder mit kleinen Kindern: Ein Mädchen an ihrem ersten Schultag, ein Baby wird von einem Mann in die Luft gehoben, ein Junge badet mit seinem kleinen Schiff im Wasser, ein Junge hinter Schleiern oder Moskitonetzen in prachtvoller, majestätischer Kleidung, eines Prinzen würdig, schaut den Betrachter an.
Warum hat Pina Bausch damals diese Kinderbilder für das Programm zu ihrem Stück gewählt?

Von der Uraufführungsbesetzung sind kaum noch Namen übriggeblieben. Julie Anne Stanzak, ist so ein Name. Sie gehört seit 1986 zum Ensemble und war auch bei der Uraufführung von "Das Stück mit dem Schiff" dabei.

Die gestrandete Gesellschaft probiert Tanzbewegungen, Tanzschritte und kleine Alltagsgesten. Wenige Paare finden sich an diesem Tanzabend zusammen. Man bleibt doch vorsichtig, immer auf der Hut, distanziert.
Es regnet auf die Felsen, den Strand. Eine Plexiglasscheibe wird herabgelassen, an ihr laufen Regentropfen herab. Dazu erklingen Tierstimmen, Vogellaute und Donner.
Später im Stück, werden Lianen vom Bühnenhimmel herabhängen, an denen die Tänzer hoch- und runterklettern und schaukeln.
Wie schon öfters, spielt auch ein lebender Hund eine Rolle in diesem Stück. Die Elemente Wasser, Luft, Feuer, Erde schmückten schon viele Bausch-Stücke und eben auch Hühner, Mäuse, Hunde in lebender – Nilpferd, Krokodile und Wale in künstlicher Form.
Ein Mann steckt seinen Kopf in einen Eimer Wasser und hält so lange die Luft an, bis er nicht mehr kann. Überlebenstraining?
Man hat das Gefühl von Trostlosigkeit. Die Tänzer*innen suchen in Begegnungen mit anderen Tänzer*innen Trost, finden ihn aber nicht.

Nach einem Gewitter mit Blitzen und Donnerhall breitet sich eine gelassenere, heitere Stimmung aus. Eine barbusige Frau erklärt ihren Hochgenuss beim Verspeisen von Pellkartoffeln. Ein Mann schröpft sich mit Gläsern die eigene Brust.
Dann stehen alle Tänzer*innen an der Reling des Schiffes und lassen sich von einem Mann fotografieren.

Ist die Reise zu Ende oder ist es erst der Anfang von etwas Neuem?

Die Kritiker von 1993 schrieben nach der Uraufführung von einem Stück mit Szenen, die sich nicht zusammenfügen, kleine Spielszenen, die nicht ein Ganzes ergeben wollen.
Nach 27 Jahren ist klar: Dieser Tanzabend war ein Ganzes, ist es wieder und wird auch morgen noch eines sein.

Das Opernhaus-Publikum würde diesen Tanzabend ausgiebig feiern, wenn es nur ins Opernhaus dürfte. Das dieses Stück dennoch zur Aufführung kam, zwar "nur" als Projektion auf die Fassade des Schauspielhauses und im Livestream, ist ein digitales Experiment.

Hoffentlich müssen nicht erst wieder 27 Jahre ins Land gehen, um dieses Stück sehen zu können. Noch gibt es keine weiteren Ersatztermine. Geplant sind Termine im Januar 2021 in Wuppertal.
Wie der weitere Weg des Stückes bereitet werden kann, ob auf internationalem Parkett oder als Wiederaufnahme in Wuppertal, bleibt unsicher in Zeiten von Corona.

 

 

 

Licht an / gelber Sand und Felsen, ein auf den Klippen gestrandetes Schiff ragt schräg nach vorn / Frau steht mit einem Akkordeon allein auf der Bühne und spielt / ein Mann hält mit einer Hand eine Frau am Rückenteil ihres Kleides und führt sie auf allen vieren krabbelnd über die Bühne, dann springt die Frau in die Arme des Mannes und hält ihn am Hals umklammert, dann lässt der Man die Frau wieder auf allen vieren krabbeln und führt sie von der Bühne / ein Mann in grauem Anzug wirft weiße Handschuhe auf den Boden und rutscht wie auf einer Bananenschale darauf aus / ein Mann und eine Frau in schwarz auf allen Vieren, krabbeln im Sand vorwärts und schwanken dabei hin und her / der Mann im grauen Anzug hebt seine Handschuhe auf und geht von der Bühne / 1ter Solotanz: die Frau in schwarz / 2ter Solotanz: Frau in weißem luftigen Kleid mit schwarzen Mustern tanzt / 3ter Solotanz: Frau mit rotem Satinkleid tanzt, bis ein Mann kommt und die Frau auf seinen Armen hinausträgt / ein Mann trägt ein Kissen und eine Decke auf die Bühne, er breitet die Decke aus und rollt sich selbst ein, bis er auf dem Kissen liegt / eine Frau mit rotem Eimer wischt den Strand / ein Mann taucht seinen Kopf in ein Eimer Wasser bis er die Luft nicht mehr anhalten kann (Überlebenstraining?) / 3ter Solotanz: Frau in schwarz tanzt und geht dann über die Klippen von der Bühne / ein Mann schält dazu auf dem Bauch liegend eine Kartoffel, dann nimmt er sich einen Blumenkohl vor / 4ter Solotanz: ein Mann in grauem Hemd und Hose tanzt / der liegende Mann robbt durch den Sand von der Bühne / eine Frau verlangt von einem im Saal sitzenden Tänzer energisch eine Zigarette: Haben Sie eine Zigarette für mich?“, der Mann gibt der Frau eine, dann sagt sie: „Haben Sie auch Feuer? Danke, viel Spaß noch!“ / zwei Männer stehen nebeneinander, einer stützt seinen Arm auf die Schulter des anderen, der wehrt den Arm ab und legt seinerseits seinen Arm auf die Schulter des anderen, das geht hin und her, ein Kampf um die Vorherrschaft / 5ter Solotanz: eine Frau in schwarz tanzt, bis ein Mann zu ihr kommt und sie von der Bühne trägt / 6ter Solotanz: eine Frau in hellem kurzen Kleid tanzt, ruft die Frau nach einem Mann, der kommt und fängt die Frau gerade noch auf bevor sie umfällt, dann springt die Frau auf die Arme des Mannes, sie holt einen Lippenstift aus seiner Jackettasche und schminkt ihre Lippen, dann holt sie ein Tuch aus einer anderen Tasche des Jacketts hervor und wischt den Lippenstift wieder ab, sie rutscht von den Armen des Mannes, hält das kleine Tuch vor ihr Gesicht, drückt es dann eine Wand, wendet sich ab, das Tuch fällt zu Boden, dann tanzt die Frau / der Mann bringt der Frau einen Stuhl, sie setzt sich / der Mann saugt sich an ihrer Hand mit seinen Lippen fest und zieht damit die Hand der Frau nach oben in die Luft / der Mann saugt die ganze Frau vom Stuhl (gespielt), dann wirbelt der Mann die Frau im Kreis herum, die Frau strampelt mit den Beinen in der Luft (sieht aus, als ob die Frau in der Luft spazieren geht) / eine Frau in weißem Kleid wandelt über die Bühne, bleibt stehen und macht Kussmund in die Luft, ein Mann kommt direkt auf die Frau und küsst sie, danach klettert die Frau an dem Mann hoch und stemmt sich auf seinen Schultern ab, rutscht wieder an ihm herunter, dann tanzt die Frau, der Mann unterstützt die Bewegungen der Frau, ist mal Sitz, mal Lehne, mal Heber, mal Stützer / die Frau steht still auf der Bühne, der stützende Mann schreit die Frau immer lauter werdend an: „Mach doch weiter! Was soll das jetzt? Wo geht du hin? Jetzt sag doch mal was, verdammt! Ich verstehe das nicht mehr! Man hört nicht einfach auf. Ich dachte wir tanzen zusammen! Da kann ich auch einfach aufhören!“ / ein anderer Mann erzählt der Frau unterdessen eine Geschichte, der andere Mann schreit weiter rum, die Frau geht ab, ein Mann geht seine Geschichte erzählend ab, der schreiende Mann springt von der Bühne und setzt sich in den Saal / ein Mann mit Drehleier setzt sich auf einen Stuhl und beginnt das Instrument zu spielen / ein Mann trägt wieder die krabbelnde Frau am Rückenteil ihres Kleides über die Bühne / ein Paar umarmt sich heftig, die Frau ist kleiner als der Mann, so dass ihre Füße in der Luft baumeln, der Mann schaukelt die Frau in der Luft / ein zweites Paar steht links am Bühnenrand: die Frau besteigt den Mann und hält sich an einem Gerüst an der Wand fest, die Frau steht oben vor der Wand, ein Mann kommt und springt dem Bekletterten in die Arme, dann steigt die Frau wieder über den Bekletterten hinunter / 7ter Solotanz: ein Mann tanzt barfuß / ein Mann stellt einen großen Tisch auf die Bühne, darauf vier Wasserflaschen, dann stellt sich der Mann auf die Wasserflaschen / GRUPPENTANZ: erst alle Männer in Reihe und Arme über dem Kopf, sie stampfen in kleinen Schritten durch den Sand über den Strand, die Frau reihen sich etwas später zwischen die Herren ein / zwei Männer halten einen Mann in Schräglage in der Luft, zwei andere Männer packen eine Frau, heben sie über den „Schräglagen-Mann“ in der Luft (sieht aus, als ob die Frau über den Mann hinwegfliegt) / 8ter Solotanz: der barfüßige Mann legt sich in den Sand, steht wieder auf und tanzt / eine Frau liegt mit dem Bauch im Sand, der Mann geht zu der Frau, setzt sich in den Sand und hebt die Frau aus seine Beine, dann beißt er der Frau in den Rücken, in die Schulter und Nacken / die Frau steht auf tanzt, fällt in den Sand, der Mann holt einen Hochdruckreiniger und besprüht die tanzende Frau mit Wasser / ein Mann trägt eine kleine Frau an den Achseln auf die Bühne, die Frau schmunzelt zweimal, dann fällt sie um, der Mann trägt die Frau hinaus, dann schreit die Frau laut / ein Mann mit Kissen und einer Decke, sagt etwas auf englisch, dann legt er sich und zieht die Decke über sich / alle anderen Tänzer*innen sammeln sich auf dem gestrandeten Schiff und stellen sich an die Reling / GRUPPENTANZ: Tanz-Übung-Bewegungen zu Meeresrauschen und einem Oldie (wie an einer Tanzstange) / ein durchsichtiger Plastikvorhang wird herabgelassen, an ihm laufen Regentropfen hinab / alle gehen vom Schiff / der Leierspieler dreht wieder die Leier / ein Mann und eine Frau umarmen sich heftig, leidenschaftlich, wild, die Frau sagt: „Ich wäre fast erstickt. Das war schön!“ und geht ab / ein Mann sitzt auf einem Stuhl und will seine Hand abhalten ein Glas mit Getränk zum Mund zu führen, als ob er nicht trinken will, aber doch muss, sein Kopf geht hin und her, dann hebt er hebt seine Hand mit dem Glas und schüttet den Inhalt über seine Schulter aus, danach steckt er sich erst mal eine Zigarette an / die kleine Frau springt dem Mann wieder in die Arme, dann trägt er sie am Kleider festhaltend wieder über die Bühne / der Mann raucht seine Zigarette und versucht sein Bein zu animieren, eine Bewegung auszuführen / hinter dem Plastikvorhang auf dem Schiff, erzählt eine Frau (Julie Ann Stanzak) sich selbst etwas und muss ständig über ihre eigenen Witze lachen / die kleine Frau bindet dem Mann auf dem Stuhl die Schnürsenkel, die Beiden gehen ab / der Plastikvorhang hebt sich / ein Mann sitzt im Sand und mit einer Frau zusammen füllen sie Sand in sein Unterhemd, er steht auf und der Sand fällt aus dem Unterhemd zu Boden / der Mann und die Frau ziehen ein kleines Boot auf die Bühne, der Mann setzt sich in das Boot und hört Musik aus einem kleinen Radio, dann ziehen und schieben der Mann und die Frau das Boot von der Bühne / ein Mann trägt die kleine Frau wieder am Kleid, aber dieses Mal auf dem Schiff über der Reling hängend in der Luft / GRUPPENTANZ: eine Reihe Männer, eine Reihe Frauen, alle singen: „Lei-la-lei-la-la-la – lei-la-lei-la-la-lei…“ / alle gehen ab / die Bühne ist leer, plötzlich blitzt es, ein Gewitter, Licht aus, es blitzt und donnert, Rauschen des Regens, einige Damen und Herren liegen im Sand, es regnet / ein Mann steht an einem Klavier, spielt und singt ein Lied / 9ter Solotanz: ein Mann tanzt einen Hüftschwung-Tanz / ein Mann stellt sich wieder auf die vier Flaschen auf dem Tisch / 10ter Solotanz: Julie Ann Stanzak tanzt ein Solo / schneller Wechsel: ein Mann tanzt, ein zweiter tanzt, ein dritter umrundet die Tänzer mit lauten Rufen im schwarzen Kleid und einem weißen Jackett, ein Mann krabbelt auf allen Vieren durch den Sand / die Männer schlagen Purzelbäume oder hüpen in die Luft, die Frauen stehen hinter ihnen und geben Schwung / der große Mann schleudert die kleine Frau wieder im Kreis herum, Licht wird dunkler, alle anderen gehen ab / eine Frau steht auf gestapelten Stühlen auf einem Klavier / zu pfeifenden Geräuschen tanzt eine Frau / eine Frau tanzt liegend im Sand mit einem Strick, ein Mann zieht ihr Schuhe an und führt sie an einem Stock, die Frau hält die Augen geschlossen, sie lacht über die schnellen, überraschenden Bewegungen des Mannes, aber folgt ihm weiter / die kleine Frau sitzt am Klavier, sie hat die Augen geschlossen, ein Mann macht einen Kopfstand über der Frau und prüft mit einer Hand, ob die Frau doch etwas sieht, der Mann reißt die Frau nach oben / ein Mann hält die Beine der Frau, zwei Männer stehen jeweils auf den Seiten, die Frau wird zwischen den Männern in der Luft hin- und hergeworfen / ein Mann drückt eine Frau an die Wand, sie sitzt auf einem hochgehaltenen Bein von ihm, ein anderer Mann schüttet Sekt in Gläsern und gibt sie dem Paar, die den Sekt trinken / ein Mann rollt sich wieder in eine Decke ein / zwei Männer lassen eine Frau zwischen sich hochstemmen, ihre Beine schaukeln in der Luft, die Frau springt ab und lächelt in den Zuschauerraum, dann wird sie wieder schaukelnd von der Bühne getragen / ein Mann malt sich ein Herz auf den Unterarm, er sagt: „Ach, Liebe!“ und streicht das Herz durch, er zieht sich sein Hemd aus und malt ein Herz auf seinen Oberarm und streicht auch das Herz wieder durch, er hält sich sein Unterhemd hoch und malt auf seinen Waschbrettbauch ein Herz und streicht es wieder durch, dann geht er ab / eine Frau sitzt auf einem Felsvorsprung und fächelt sich mit ihrem eigenen Kleidersaum Luft unter ihr Kleid / 11ter Solotanz: Frau tanzt, bleibt hockend auf einem Bein und fächelt wieder Luft unter ihr Kleid / 12ter Solotanz: Frau in rot-grauem, seidigen Kleid tanzt / ein Mann macht Gesten und Mimik, er küsst seine Hand, er küsst eine Stelle an der Wand, es surrt eine Fliege (imaginär) durch die Luft, er verfolgt ihren Flug mit den Augen, fängt die Fliege mit dem Mund und zerkaut sie, dann ruft er eine Frau, küsst ihre Hand und sagt zu der Frau: „Guten Abend, wie geht’s dir?“ und führt sie hinaus / 13ter Solotanz: Frau in grauem Kleid mit Blumendekor tanzt mit kleinsten Gesten / eine Frau, oben ohne, hält sich Tücher vor ihre Brüste, dann wischt sie mit einem Tuch über den Sand und sagt: „Wenn ich zurück nach Hause gehe, erst Tat – ich koche mir Pellkartoffeln mit Salz und Butter. Ach, ich freu mich schon auf meine Pellkartoffeln!“, dann stellt sie sich an eine Wand und reibt mit den Tücher Stellen an der Wand / ein Mann stellt eine großen Spiegel an die Wand, die kleine Frau mit Sektglas und Zigarette lehnt sich mitten an den Spiegel, ein Mann putzt den Spiegel, erst um die Frau herum, dann nimmt er einen Eimer Wasser und schüttet ihn über der Frau vor dem Spiegel aus / eine Frau versucht eine Konservendose mit einem Messer zu öffnen / eine Frau hat ein selbstgebasteltes Dach mit Schornstein auf dem Kopf und trägt eine Decke mit Tasse obenauf, sie ruft: „Mutter…“ / ein Mann erklärt die Vorzüge von Gießkannen: „So ist sie für Blümchen, so für Bäume, so für das Bett links und so für das Bett rechts“, dabei dreht er am Gießkannenkopf / ein Mann stellt einen Stuhl immer ein Stück weiter auf die Bühne / die Frau mit Tücher wischt den Strand / eine Frau in schwarzem langen Kleid hebt hinten ihr Kleid hoch und zeigt ihren nackten Hintern / zwei Männer in einer Badehose und Schwimmbrille schlagen Rad / eine Frau mit weißem lebenden Hund läuft hin und her / ein Mann schröpft sich selbst Gläser auf Bauch und Brust / eine Frau beugt sich und zieht dabei ihr Kleid über den Rücken in ihren Nacken, dann klopft sie sich selber den Rücken ab (Eigenmassage?), dann tanzt sie / einige Männer berühren mit ihren Zeigefingern die Frau, zeigen hoch in die Luft, gehen ein paar Schritte und zeigen auf eine Stelle im Sand, dann gehen sie wieder zu der Frau zurück und holen sich nochmals eine „Zeigefinger-Portion“ / dazu werden Lianen herabgelassen, an den die Herren hochklettern, sich festhalten oder schaukeln / die kleine Frau „fliegt“ wieder über den schräg gehaltenen Herrn durch die Luft / Lianen werden wieder hochgezogen / ein Mann steckt wieder seinen Kopf in einen Eimer mit Wasser und hält die Luft an / der große Mann trägt die kleine Frau am Kleid wieder auf die Bühne, sie klettert wieder am Mann hoch und bleibt an der Wand stehen / ein anderer Mann springt dem großen Mann in die Arme, dann steigt die kleine Frau wieder herunter / unterdessen stehen schon alle anderen Tänzer*innen an der Reling auf dem gestrandeten Schiff, sie stehen ganz still und schweigend da / ein Mann macht ein Foto von der Gesellschaft, dann klettern alle wieder vom Schiff ///

ENDE

Applaus (von wem?)

 

 

Ein Stück von Pina Bausch

Rekonstruktion, Uraufführung 1993 

Inszenierung / Choreographie

Pina Bausch

Bühne

Peter Pabst

Kostüme

Marion Cito

Musikalische Mitarbeit

Matthias Burkert

Musik

Klassische Musik aus Indien, Tanz- und Liebeslieder aus Äthiopien, Marokko, Namibia, Nigeria und Peru, Hörner der Bronzezeit aus Schottland, Gesänge der Zigeuner aus Ungarn, Gebet aus Litauen.
Geräusche vom Amazonas, Vogelstimmen, das Rauschen von Regentropfen, Geräusche des Urwalds und Harfenklänge, unterbrochen von heftigen Gewittern und drohendem Donner, aus Kambodscha, Nepal und Südflorida, Lieder und Arien von Walther von der Vogelweide, Christoph Willibald Gluck und Georg Friedrich Händel. Lamento aus Spanien und Pavanen der Renaissance.
Unterhaltungsmusik der 1940er und 1950er Jahre.
Harfen- und Drehleiermusik, zusammengestellt von Matthias Burkert.

Einstudierung Barbara Kaufmann, Héléna Pikon, Julie Anne Stanzak mit der israelischen Künstlerin Saar Magal; Assistenz Niv Marinberg

Besetzung:
Emma Barrowman, Andrey Berezin, Gabriel Brito, Taylor Drury, Çağdaş Ermiş, Jonathan Fredrickson, Silvia Farias Heredia, Ditta Miranda Jasjfi, Milan Nowoitnick Kampfer, Yosuke Kusano*, Alexander Lopez Guerra, Blanca Noguerol Ramírez, Ekaterina Shushakova, Oleg Stepanov, Julian Stierle, Michael Strecker, Christopher Tandy, Stephanie Troyak, Tsai-Wei Tien, Ophelia Young, Tsai-Chin Yu, N.N.; Änderungen möglich!

Dauer

2h 35min

 



Das Stück mit dem Schiff • Foto: Ensemble • © Maarten Vanden Abeele

 

 

Aktuelle Informationen dazu unter 

pinabauschzentrum.de und pina-bausch.de ab Ende Oktober

 

 


eingestellt am: 22.11.2020